Sigune Schnabel, Autorin

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Lyrik

Vision

Mutter hat sich in meinen Träumen verlaufen,
dort, wo der Holunder blüht
am Stacheldraht vor den Weiden.

Beim Pflücken hat sie sich
den Finger verletzt.
Hinter der Hecke ist nichts begrenzt,
wächst Löwenzahn aus den Mündern
fremder Menschen.

Gestern stellte ich ein Sprungbrett
vor das Tor zur Nacht,
ließ meine Wünsche hüpfen.
Manchmal stolpern sie
an einem Wort.

Erschienen in der Anthologie zum Wiener Werkstattpreis 2019

Im Abendkleid

Hinter den Feldern hat das Meer
die Farbe von November,
wenn er bricht
und sich öffnet: im Schatten der Platanen
mit Hingabe an die Nacht.

Unsere Einsamkeit: ein Apfelkern,
an dem wir kauen, bis er
zerdrückt in unseren Mündern kauert.

Eine andere Geschichte sitzt
mit Feuerhaar und blauem Kleid
am Tisch mit einem jungen Mann,
zählt Münzen, geht verschütt und schüttelt
mir die Hand.

Im Regen wird mein Wort
so weich, dass ich es biegen kann.

Erschienen im Dichtungsring 56, 2019

Befreiung

Die Heimat ist ein Warteraum
mit blauen Stauden.
Außen riecht die Luft
nach Wüstentagen.

Immer wieder kommt ein Mann hervor
aus ungenutzten Stunden.
Er atmet, schaut und geht
an mir vorbei.
Frei bin ich nicht
und doch: ein Tier,
das aus der Sprache trat
und nicht mehr auf dem Wortfeld
eingezäunte Enge grast.

Erschienen in der Anthologie zum Wiener Werkstattpreis 2019


In der Traurigkeit liegt ein Ei,
aus dem nichts schlüpfen darf.
Ich brüte nur,
wenn der Holunder blüht
und hüte es vor dir.
Die Käfigtür: so blau,
dass sie den Himmel übertönt.

Abends trage ich die Tage
zum Meer,
spüle sie mit Salz und Algen.
Seit du schweigst,
klirrt es in ihrem Innern.

Erschienen in der Anthologie zum Wiener Werkstattpreis 2019