Sigune Schnabel, Autorin

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Prosa

Das Leben ist kein guter Vorgesetzter

Ob ich einsam bin, fragst du, als ich am geöffneten Fenster den Regen betrachte. Im Fallen liegt eine Ruhe, eine Selbstverständlichkeit, der ich mich nicht entziehen kann. In der Scheibe verschmelze ich mit einer Tanne, zwei Formen, ineinander und doch getrennt. Wir zeichnen uns stets mit unseren Grenzen von der Welt ab; vielleicht ist es der Preis einer dritten Dimension, dass es kein Ineinander und Zugleich gibt, wie es das Bild im Fenster vorgaukelt, sondern nur ein Nebeneinander, und jede Annäherung lässt uns anstoßen, anecken - das Wesen unserer Körper, das Wesen der Menschen an sich. Jede Umarmung ist nichts als ein Versuch, aus diesem vorgegebenen Konzept auszubrechen, und doch zerfällt die Illusion.

"Weißt du", sagst du, "das Leben ist ein Fallen." Und ich entgegne: "Ich habe dich nur ausgedacht. Du hast kein Gesicht, weil meiner Geschichte die Worte fehlen. Dir mangelt es an allem. So kann ich dich nicht ernst nehmen." Im Stillen stimme ich dir zu.

Manchmal gehe ich durch die Straßen und beobachte die Menschen. Die Häuser liegen so dicht aneinander, dass eine Wand zwei Gebäuden gehört. Wer glaubt, durch diese Mauer die eigene Einsamkeit zu überwinden? Welch lächerlicher Versuch. Wir werden in etwas hineingeworfen mit dem großen Namen "Leben", ohne den Grund dafür zu kennen. Es behandelt uns wie unmündige Kinder, erklärt uns weder Sinn noch Zweck. Wir bleiben im Unwissen darüber, wie viel Zeit uns zur Verfügung steht. Ein tyrannischer Vorgesetzter, der sich nicht mit den Belangen Untergebener befasst. Als ich am Laternenpfahl ein Netz sehe, so fein und einzeln in die Welt gebaut, muss ich an all die Füße denken, die das Pflaster treten, und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir auch über Fäden balancieren, ohne Beute kein Ziel.

Erschienen in mosaik 1/2016, Link

Fragment

I

Das erste Mal entdeckte ich meine Einsamkeit in einem Teich. Sie schwamm an der Wasseroberfläche und kräuselte sich zu einem Lächeln. Dünne Falten bewegten sich hin und her. Sie wirkte freundlich und erschreckte mich nicht. Doch als ich aus Neugier einen kleinen Stein auf sie warf, wurden die Wasserfalten tiefer, schwankten heftig, und ein neuer Ernst drang in mein Leben.
Manchmal nannte ich Vater Rabenkrähe, so unnahbar streifte er den Rand meiner Welt. Er kam selten zum Teich, und wenn ich auf ihn zulief, flog er davon. Mutter war der Adler. Jeden Tag zog sie über mir Kreise, doch auch sie konnte ich nie greifen. Ich hatte nur eine Feder von ihr, in deren Mitte eine Mine steckte. Ich sah oft schöne Menschen an unserem Garten vorbeilaufen, Menschen mit einem Ziel. Ich hatte keines. Deshalb sprang ich vom Bordstein zur Hecke und wieder zurück, nie geradeaus. Mutter ging nicht gern mit mir spazieren. Sie nannte mich flatterhaft. "Kannst du nicht ordentlich laufen?", sagte sie immer. "Du bist doch schon fünf." Dabei tat ich es nur wie die Schnecken, denen ich im Garten eine Rennbahn gebaut hatte.

II

Das Krankenbett meiner Liebe ist grau. Das habe ich so angeordnet, damit der Verfall weniger sichtbar wird. Sie liegt dort zwischen Laken und Decken, das Gesicht von Falten durchzogen. "Wir können nichts mehr für sie tun", hatte mir der Arzt im Vorbeigehen gesagt. Seitdem sitze ich an ihrer Bettkante und schaue ihr dabei zu, wie sie immer weniger wird.

III

Heute Nacht hatte ich einen Traum. Mir wurde auferlegt, Pferde in den Stall zurückzuführen. Jedes Pferd hatte seinen festen Platz. Die Tiere bockten, und ich zerrte an ihren Zügeln und rief Namen. Immer, wenn ein Stück Liebe aus mir herausfiel, kam ein neues Pferd hinzu, das ich in seine Box bringen und festbinden sollte. Es wieherte, reckte den Hals in die Luft, riss sich los und lief in wildem Zickzack hin und her. Sein Rückenfell sträubte sich, und die Augen waren von roten Rändern unterlaufen.

Überall dort, wo meine Liebe abfällt, stürzt ein Pferd auf mich zu. Ich mag keine Pferde. Auch keine Krähen und Adler. Nur der Katze vertraute ich, die manchmal durch eine offene Stelle in der Hecke herbeischlich. An guten Tagen vertraute ich auch der Einsamkeit, die mich aus dem Wasserspiegel anblickte. Gute Tage waren selten.

Erschienen in neolith 2, Link

Flaschenpost

Je älter ich werde, desto reißender stürzt die Zeit das Flussbett hinab. Früher, als ich ein kleines Mädchen war, bewegte sie sich in feinen Wellen, und an manchen Stellen blickte ich bis zum Grund. Heute sehe ich nur treibende Blätter und aufgewirbelte Gischt.
Damals bestand ein Tag aus einem riesigen Sack. Ich sammelte und sammelte, und immer blieb noch Platz. Nachts füllte ich den Rest in anderen Welten. Dann trat ein Mann aus der Tür der schlechten Träume, die sich in der Wand am Fußende meines Bettes befand, bäumte sich auf und sprach mit finsterer Stimme: "Ich bin der Schokoladenfresser!" Leider war ich nicht schlagfertig und mutig genug, ihm die Marienkäfer vom letzten Osterfest anzubieten. Mir kam noch nicht einmal der Gedanke, dass ich selbst gar nicht aus Schokolade bestand und somit außer Gefahr war, gefressen zu werden.
Später wurden die Säcke immer kleiner, und die alten befanden sich schon so weit hinten, dass ich nicht mehr zu ihnen gelangte. Nur manchmal, wenn ich müde bin, gerate ich für Sekunden in einen Bereich zwischen Traum und Wachen, in dem Erinnerungen wohnen. Gerüche und Orte vereinen sich in dem Moment. Meine Füße befinden sich plötzlich auf Straßen, die ich als Kind entlang lief, in Ecken, die mir gänzlich entfallen waren. In solchen Augenblicken merke ich, dass mein Leben in mir drin ist. Sie sind ein müder Nachklang der einstigen Fähigkeit, die Welt mit allen Sinnen zu erleben. Ein Echo der Kindheit und zugleich ein Tor.
Früher schrieb meine Mutter jedes Jahr einen langen Brief an die Verwandtschaft. Wir durften diese Seiten nie lesen, wussten aber, dass es um uns ging, was uns wütend machte. Einmal fanden mein Bruder und ich Schnipsel im Papierkorb, die unverkennbar von einer Kopie stammten. Jeden einzelnen breiteten wir auf dem Wohnzimmerboden aus. Meine Mutter störte uns nicht bei unserer Tätigkeit, denn sie glaubte offenbar nicht an unseren Erfolg. Bei manchen Teilen sah man sofort, dass sie zusammenpassten. Dann gab es diese weißen Randbereiche, auf denen sich nur einzelne Striche befanden, die nahezu jeden Buchstaben fortführen konnten. Immer wieder probierten wir Teile aus. Doch am Ende waren wir fertig. Es entstand ein Text.
Sekunden im Halbschlaf sind manchmal solche Puzzleteile. Mit viel Geduld lässt sich von ihnen einmal der Text meiner Kindheit ablesen. Dann verstaue ich ihn luftdicht in Flaschen und trage ihn in ein Boot. Das nächste Mal schütze ich ihn vor dem reißenden Fluss.

Fragment aus einem größeren Projekt, gelesen beim Brüggener Literaturherbst 2015