Sigune Schnabel, Autorin

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Einzelpublikationen

Die Zeit hat ihre Farbe verloren, Geest-Verlag, Visbek 2023
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Leseprobe

(Über)flüssig

Meine Überflüssigkeit ist ein steiniger Grund,
ausgetrocknet, splittrig
in der Witterung von Satzengen.

Noch vor meiner Geburt träumte ich,
dass alles verläuft,
eine Sprache sich häuft hinter der Ferne
und mein Wort, dieser Klumpen, nicht reicht.

Ich räumte mich auf
in die Jahre hinein
und tupfte von Muscheln den Staub.
Mit Verlaub: Ich war fast schon vergessen.

Die Welt hat ihre Sprache verloren | Lied der Kriegsgötter


III

Die Schönheit krümmt sich,
aber sie verneigt sich nicht.
Es ist der Schmerz, der sie beugt.

Ich führe Truppen an,
wenn sie den Kampf suchen,
leite sie durch Wälder.
Waffen glühen,
mir aber ist es gleich,
wen sie treffen.
Ihr Klang sagt, dass es keine Freiheit gibt.
Was sind schon Worte - sie malen nur Lügen
übers Land.

Wir graben uns Verstecke
tief in unsere Mutter-
Erde. Sie hat uns ausgestoßen,
jetzt aber öffnen wir sie, um uns zurück
in ihren Leib zu legen.
Noch einmal wird sie uns gebären,
wenn die Schüsse schweigen.

Abends singen wir vom Himmel
über den Dörfern.
Seine Wolken haben keine Namen.

 

Auf Zimmer drei liegt die Sehnsucht, Geest-Verlag, Vechta 2021
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Leseprobe

Bahnhofsvorplatz

Wir zerfielen im Außenbereich,
wo es keine Worte mehr gibt
und der Asphalt heller glitzert
als Blicke.

Wir reichten uns das Schweigen
in allen Farben,
angeraute Glassplitter,
die wir behutsam
in unsere Münder legten.

Wie wir uns nach etwas sehnten,
ich nach dir
und du nach Abstand.
Am Bahnhof las ich die Kontaktanzeigen
in fremden Gesichtern,
ohne Antwort zu geben.
An meinen Händen haftete
Erinnerung.

 

Spuren vergessener Zweige, Geest-Verlag, Vechta 2019
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Leseprobe

Ein Leben lang

sprachen sie mir Heimat
unter die Füße. Ich gehe
mit der Zeit.
Verstaucht, ihr Fuß.
Wir stolpern
über Brachland und Gras,
ziehen unseren Fragen Häute ab.

In meinem stillen Wasser
fischst du nach Sinn
und fängst ein gebrochenes Wort.
Am Abend legst du
den Klang
zurück auf die Erde.

Du legst dein Gesicht

an den Stamm
alter Worte,

und immer pflügen Stimmen
die Gedanken, dieses weite Feld,
ziehen Vögel
über aufgebrochene Erde,

als wärst du ein Stück Land
reich an Nahrung und Wasser.
Manchmal blüht der Huflattich
am Rand, fallen Worte

klanglos die Stunden hinab.
Ein Radweg läuft durch die Gedanken.
Hörst du, wie sich fremde Reifen
in den Boden reiben.

 

Apfeltage regnen, Geest-Verlag, Vechta 2017
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Leseprobe

Auf den Dächern

sitzen Spatzen,
lösen sich Ziegel aus Erinnerung.
Ich sehe Mutter am Bügelbrett,
wie sie den Tag glättet.
Draußen bist du Schneekönigin
mitten im Frühling,
hängt sie Wäsche
und alte Regeln an die Leine,
die mit den Worten der Nachbarn flattern.
Zwischen Unkraut lauern Nacktschnecken
und andere Feinde,
baust du Schlösser
und braust Mittel
für tote Fliegen.

Erst am Abend
stürzt dich Mutters Stimme
von den Zinnen
deiner Welt.


Wortlauf

Einst reichten die selbstgebauten Leitern
bis zum Himmel.
Ihre Wortsprossen trugen Welten.
Heute enden sie unter Dächern,
und ich greife nicht mehr
durch Wolken.
An meinen Beinen haftet
jahrhunderteschwer der Verstand.