Sigune Schnabel, Autorin

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Schreibwerkstatt Heimat.Heute

2019 / 2020 findet in Dresden die Schreibwerkstatt Heimat.Heute mit Kurt Drawert statt. Hier gibt es weitere Informationen zu dem Projekt und die Teilnehmer werden kurz vorgestellt: SLUB-Blog.
Im Rahmen des Programmpunktes "Schreiben an Orten" entstehen Texte, von denen ich den ein oder anderen hier vorstellen möchte.

Verhallt

I

Ich stehe am Bahnhof und trete auf der Stelle, meine Haare farblos wie der Horizont. Langsam schneit es stumm in mich hinein. Ich öffne den Mund wie ein Kind und schmecke Worte, koste die Stadt, schlucke, was hinter meinen Buchstaben steht: Weiß.

II

Die Farbe ist alles, was ich wiedererkenne. Großmutter hat hier einst gewohnt. Wenn ich träume, grabe ich mich in die fremde Erde, immer tiefer, bis ich mich vergesse.

III

Ich habe schon immer viel geschlafen, in einem großen Haus am Wald, in grauem Beton auf Straßen oder zwischen Sätzen. Manchmal schlugen meine Füße Wurzeln; öfter stießen sie sich und ich wachte auf.

IV

Wenn ich aufstand, wollte ich aus der Geschichte springen, mit den Füßen voran, doch ich war unbeweglich, das Kind, das im Sportunterricht zuletzt gewählt wurde, weil es keiner in seiner Mannschaft haben wollte.

V

Ich mochte es nicht, eine Geschichte zu besitzen, diese Bindung, die mich an Gegenstände fesselt - ich wollte nicht mehr hören, wer ich war. Eines Tages rief ich meinen Namen, doch er war davongelaufen, in die Wiese, immer weiter bis zum Bach.

VI

Das Haus verstand meine Sprache nicht mehr, als ich die Tür aufschloss. Es schaute mich an, blickte auf mein weißes Haar. Weiß, die Mauern, und still. Noch nie hatte ich so laut von mir gesprochen, doch auch aus den Worten war ich längst herausgefallen; sie rollten bis zu den Treppen und wurden stumm.

VII

Ich bin verhallt, verklungen, sage ich und blicke an mir herab. Nur die Schuhe sind noch schwarz wie meine Schrift.

November 2019